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Stigma!

Begreift man Stigmatisierung soziologisch nüchtern als die "Zuordnung gesellschaftlich negativ bewerteter Merkmale", dann wird erkennbar, dass die Psychiatrie an der Stigmatisierung nicht nur historisch, sondern auch aktuell aktiv beteiligt ist (Bock u. a. 2001).....und in 2015 immer noch.

  

Stigma - Vorurteil - Ausgrenzung

 

Dieser Text ist verfaßt (2001) von zwei Psychiatrie-Profis, die aber in der trialogischen Auseinandersetzung auch andere Blickwinkel und Standpunkte kennen- und schätzen gelernt haben. Ausgehend von Begriffsdefinitionen (alle aus Brockhaus 1999; wörtliches Zitat: > ... <) und deren Verknüpfung versuchen wir, den Mechanismen der Stigmatisierung auf die Spur zu kommen. Außer­dem machen wir uns Gedanken zu den Ansätzen von Anti-Stigma-Kampagnen.  

 

Stigma wird sowohl theologisch wie biologisch definiert als äußerlich auffallendes Merkmal an Lebewesen.Stigmatisierung bedeutet soziologisch die > Zuordnung bestimmter von der Gesellschaft bzw. einer sozialen Gruppe negativ bewerteter Merkmale ( z. B. nichtehelich, vorbestraft) zu einem Individuum, das damit sozial diskreditiert wird <. Ein solches Merkmal könnte z. B. auch “psychisch krank”, “verhaltensauffällig” oder “behindert” sein.

 

Stigmatisierung entsteht u. E. aus Vorurteil/en, (Def: > Kritiklos, ohne persönliche Urteils­bildung oder Erfahrung übernommene Meinung, die einer sachlichen Argumentation nicht standhalten können. Es dient der psy­chischen Entlastung des Urteilenden in Angstsituatio­nen mangels Orien­tierung und dem Abbau von Unsicherheit in sozialen Handlungsfeldern. Gruppenvorurteile, mit denen eigenes Unvermögen dadurch kompensiert wird, daß dieses u. a. auf fremde Völker oder nationale Minderheiten und/oder deren Wertsysteme übertragen wird, werden oft durch Manipulation vermittelt oder bestärkt<.) Hier werden schon Funktionen und Wirkmechanismen angedeutet. Das Vorurteil nimmt die bis zum Zeitpunkt seines Ent­stehens gesammelten (vorwiegend emotionalen) Erfahrungen als Grundlage für ein vorläufi­ges Urteil. Im besten Fall wird dies dann später mit Hilfe von Erfahrungen korrigiert.

  

Noch früher, scheint uns, im historischen Nachvollzug dieser Begriffsentwicklungen der Instinkt zu stehen, als mögliche Grundlage zur Bildung von Vorurteilen. (Def.:Instinkt: Fähigkeiten von Lebewesen, spezifische Schlüsselreize mit lebens- und arterhaltendem Verhalten zu beantworten. Instinktverhalten ist angeboren). Das Vorurteil hatte in der Menschheitsent­wicklung wohl auch einen das Überleben sichernden Sinn. Es setzt wahrscheinlich an der Stelle ein, wo der Mensch im Verlauf der Menschheitsgeschichte, aber auch in seiner indivi­duellen Entwicklung verlernte, auf seine angeborenen Instinkte zu achten. Die Instinkte hatten bis dahin sein Überleben weitgehend gesichert. Vorurteile dienten der Anpassung an die sich verändernde Umwelt.

 

Der Sinn von Stigmatisierung könnte ursprünglich gewesen sein, daß Menschen, die etwas an sich haben oder tun, das die Gemeinschaft (ggf. die Mensch­heit) zerstört, und damit das Überleben der eigenen Art in Frage stellt, aus der Gemeinschaft ausgegrenzt werden. Heut­zutage werden Menschen stigmatisiert, die die Konformität stören, bzw. vom statistisch “Nor­malen” abweichen.

 

Stigmatisierung geschieht u. E. im Einzelmenschen bzw. der Gesellschaft mittels Projek­tion, einem unbewußten psychologischen Abwehrmechanismus (nach S. Freud), >bei dem eigene verdrängte Bedürfnisse, minderwertig scheinende Eigenschaften oder Wünsche zur Entlastung unbewußt anderen Personen oder Dingen zugeschrieben werden.<. Da dieser Vorgang innerseelisch unbewußt abläuft, hält sich die stigmatisierende Person selbst perfi­der weise manchmal für völlig stigmatisierungs- und vorurteilsfrei (!), oft sogar für helfend und unterstützend ... Wer mit Hilfe von Vorurteil und Stigmatisierung sich um psychische Erkrankungen “kümmert”, betrachtet und verachtet und entwertet also im Grunde seine eigenen Unzulänglichkeiten. Nur, weil er sie bei sich selbst so scharf nicht erkennen kann, geschieht dies auf dem Weg über das Sichtbarmachen im Anderen.

  

Stigmatisierungen und Vorurteile stellen also eine gefühlsmäßige Zuordnung von Qualitäten zu einem anderen Menschen, einem Zusammenhang oder einer Situation dar. Stigmatisie­rung ist demnach die Haltung eines Men­schen, einer anderen Menschengruppe, einer Sa­che oder einem Ereignis gegenüber; sie wird mit Gesten, Gesichtszügen, Körperhaltungen, Bewegungen, Tonfall der Stimme usw. weitergegeben.

 

Stigmatisierungen und Vorurteile teilen die Menschen, Ereignisse und Sachen in “freund­lich”, d. h. “überlebensfördernd” und “unfreundlich”, d. h. “das Überleben gefährdend” ein. Diese zweidimensionale Betrachtung der Umwelt erleichtert diese Sichtweise. (Eine Diffe­renzierung, also mehrdimensionale Einstellung der Wahrnehmung macht Stigmatisierung zumindest schwieriger, wenn nicht unmöglich). Dieses schwarz-/weiß-Denken ist undifferenziert und nicht ganzheitlich, gibt aber Sicherheit und ein festes Weltbild (man vergleiche beispiels­weise die Nazi-Ideologie). Es funktioniert auch heute: Auf der Grundlage eines von seinem (nur noch) materiellen Wert her gedachten Men­schen ist nachvollziehbar aber u. E. nicht legitim, daß bestimmte Menschengruppen, z. B. Homosexuelle, psychisch Kranke, Nichtseßhafte u. a. in den Geruch kommen, sie könnten das gesamte Dasein der Menschheit in Frage stellen, - viel eher sollten sie dazu anregen, diese Haltung zu hinterfragen. Der Wert dieser so Stigmatisierten liegt möglicherweise nämlich in ihrer Anregung zum Hinterfragen der bei einem selbst auftauchenden Stigmata.

 

Jeder Mensch ist zu Stigmatisierung und Vorurteil in der Lage, es handelt sich um übliche menschliche Vorgehensweisen, zumeist, wie gesagt, unbewußt, ausgehend auch von indivi­duellen Vor-Erfahrungen. Diese menschlichen Prozesse sind einer Entwicklung zugänglich und veränderbar.

 

Auf dieser Prämisse fußen z. B. Anti-Stigma-Kampagnen. Zu klären ist hierbei: wer macht / bezahlt die Kampagne? Zu welchem Zweck? Mit welcher Zielgruppe? Welche Haltung tritt der Öffentlichkeit in den Publikationen entgegen (z. B. bedenklich / sorgend / mitfühlend / partnerschaftlich)?

 

Dabei darf nicht vergessen werden, daß solche Kampagnen den Gedanken an Stigmatisie­rung erst in die Bevölkerung bringen, um dann dagegen anzugehen. Also mag die ursprüng­liche Zielsetzung im schlechtesten Fall sich in‘s Gegenteil wenden.

  

 Die derzeit laufende psychiatrische Anti-Stigma-Kampagne von der pharmazeutischen Firma Lilly gesponsort, kommt den Betroffenen mit einer Haltung deut­lich “von oben” entgegen: sorgend-kustodial von sichtbar etablierter Seriosität und bestem finanziellem Hintergrund her. (Vergleichbar etwa in früheren Zeiten dem Verhalten des Königs gegenüber dem Bettel­mann...). Diese Haltung birgt die Gefahr in sich, selbst stigmatisierend zu wirken. Die partnerschaftliche Variante dazu stellt aus unserer Sicht die Anti-Stigma-Kampagne von unten dar.

 

Dies waren neben Begriffsklärungen einige Gedanken und Denkanstöße von uns, die noch nicht fertiggedacht sind. Wer Lust hat, mag weiterdenken. Anstöße dazu, z. B. in größerem (systemi­schen?) Rahmen gibt es genug.

C. und W. Abshagen, Mannheim