RECOVERY College Südbaden      (Website vorübergehend offline)


Kompliziertes Theater

 

Seit fast sieben Jahren lebe ich mit der Krankheit (2002).

Am Anfang war mir der Ernst lange nicht bewusst. „Drogeninduzierte Psychose“ hieß es.

Ja, dann lasse ich doch einfach die Finger von Cannabis und flippe nie wieder aus!

So einfach kam ich leider nicht davon. Es ereilte mich noch drei weitere Male (nach dem Februar 1996 im Dezember 1997, Januar 2000, Oktober 2000) und inzwischen heißt die Diagnose "schizoaffektiv". Meistens schizomanisch.

Wenigstens darüber bin ich froh. Auch wenn meine Familie und Freunde das nicht so sehen, denn bislang zeigte ich im manischen Zustand kaum Krankheitseinsicht. Ich fühle mich dagegen so glücklich wie nie zuvor. Kämpfe ich doch für den Weltfrieden, bin hochbegabt, bedeutend und halte die Geschicke der Menschheit in meinen Händen.

Bislang scheiterte jedoch jede Weltrevolution. Meine Mitstreiter wechselten entweder die Seiten oder resignierten. In meiner entstandenen zweiten Wahrnehmungswelt wurden die Dinge bedrohlich. Plante doch einmal die albanische Mafia mich auf offener Straße zu erschießen; das nächste Mal wollten mich die Außerirdischen abholen. Beim dritten Mal war ich zur Unsterblichkeit verdammt, bei der letzten Episode musste ich mich vor dem israelischen Geheimdienst verstecken, weil ich als zweite Mutter Gottes schwanger mit einem weiblichen Heiland ging.

„Jesus hängt am Kreuz und stinkt“, bestärkte mich ein Mitpatient in der Klinik, der sich für Moses hielt. Wenn Jesus schon stinkt, dann ist die Zeit reif für Gottes Tochter. Dass ich trotzdem meine ordnungsgemäßen Tage bekam, erschütterte meinen Irrglauben nicht. Erst die überfällige medikamentöse Zwangsbehandlung setzte meinen fanatischen Vorstellungen ein jähes Ende. Auf der einen Seite Erleichterung, auf der anderen Seite wieder betäubte, dumpfe Langeweile – von den anderen Nebenwirkungen ganz zu schweigen.

Insgesamt verbrachte ich 32 Wochen in psychiatrischen Anstalten. Und jede Episode hat mich meinen Job gekostet.  Habe ich was daraus gelernt? Ich nehme jetzt brav meine Medikamente, mache Psychotherapie und besuche Selbsthilfegruppen (Psychose Seminare).Der Vorsatz, dass ich kein länger andauerndes Schlafdefizit erleide ist längst wieder begraben worden. Ferner verschweige ich meine „düstere“ Vergangenheit in der Arbeitswelt und begnüge mich mit Teilzeitjobs in meinem Beruf.

So ein klein bisschen manisch und dann selber (mit Medikamenten?) entscheiden können, wann Schluss ist – das wäre mein Traum.

Abschließend bleibt zu bemerken, dass zutrifft, dass die Krankheitssymptome bei zu spätem Eingreifen die Patienten in verschiedener, mannigfacher Weise täuschen. Doch im Zuge einer Aufklärungskampagne verdient eine andere Seite Beachtung. Bestimmt gibt es noch mehrere „Auserwählte“, die wie ich trotz zurückliegenden, wochenlangen Psychiatrieaufenthalten (geschlossene/offene Station, mit richterlichem Beschluss/ohne, mit fixieren/ohne) und den damit meist zwangsläufig einhergehenden Einbußen im beruflichen Werdegang, diese Erfahrungen nicht missen möchten. Sollte es dann noch gelingen, der Furcht vor zukünftigen Schüben zu trotzen, so könnte manchem grauenvollen und betäubenden Einsatz der chemischen Keule Einhalt geboten werden. Denn es dürfen nicht die Phantasielosen diese Welt verändern, die Bürokraten, Dumpfen und Wichtigtuer, sondern die Liebenden, die Phantasten, die Klugen und die Denkenden.

Claudia, 34, 2002

 


Februar 2003:

Beinahe 27 Monate sind seit meinem letzten „ernsthaften“ stationären Aufenthalt in der Psychiatrie vergangen. Gemessen an den zeitlichen Abständen, die zwischen den bisherigen vier Episoden, von den Ärzten letzten Endes stets als „schizomanisch“ diagnostiziert, lagen, ein Rekord.

Dreimal innerhalb von fünf Jahren musste ich rückfällig werden, um zu verstehen, dass es mit einer Verdrängung im Sinne von einfachem „Übergehen zur Tagesordnung“ nicht getan war. Aber mein damaliges Umfeld, insbesondere meine Eltern und mein Freund, verlangte es. Verlangte, dass ich einfach wieder „funktionierte“. Und damit meinten sie eine „Verleugnung“ des von mir erlebten veränderten Bewusstseinszustandes. Es ist nicht gesellschaftskonform, wenn man dergestalt „ausklingt“. Es ist eher peinlich und muss versteckt werden. Außerdem lautete meine erste Diagnose: „drogeninduzierte Psychose“. Für alle Beteiligten damals die einleuchtende, erleichternde „Erklärung“. Gemäß dem Tenor: „Unser Kind hat keine seelischen Schwierigkeiten, es hat sich nur vom Drogenkonsum (Cannabis) verleiten lassen.“

Dass ich daraufhin die Finger von dem „Zeug“ ließ und mich nach 1,5 Jahren trotzdem erneut 8 Wochen in psychiatrischer Gewahrsam wiederfand, überzeugte keinen. Und ich fuhr nach der Entlassung in gewohntem Muster fort, mich wieder in die Gesellschaft einzufinden. Indem ich pflichtbewusst Bewerbungen schrieb und versuchte, die aufkommende, der manischen Phase regelmäßig folgenden Depression, zu ignorieren. Das zumindest hatte ich schon schmerzhaft erfahren müssen. Arbeitgeber kennen in der Regel kein Erbarmen, wenn es um psychische Krankheiten geht. Verständlicherweise. Man fällt monatelang aus und genießt zudem einen zweifelhaften Ruf. Gerade bei Kunden bzw. Mandantenkontakt. Und ich arbeitete bislang in kleinen Steuerbüros. Und jetzt war mir schon das 2. Mal gekündigt worden. Betriebsbedingt, versteht sich. Im Nachhinein betrachtet hätte ich es mit einer Wiedereingliederung nach dem „Hamburger Modell“ z.B. bestimmt einigermaßen auf die Reihe gekriegt. „Hamburger Modell“ bedeutet, mit einer verkürzten Arbeitszeit, die sich dann langsam der gewohnten wieder anpasst, wieder einzusteigen. Aber diese Chance erhält man wahrscheinlich nur in Großunternehmen. Ich dagegen musste bei den folgenden Vorstellungsgesprächen wegen der unbescheinigten Fehlzeiten einfach  wieder das Blaue vom Himmel runterlügen. Wenn man sich als Diplom-Kauffrau „nur“ auf Sachbearbeiterposten bewirbt, möglicherweise nicht ganz so dramatisch, denn ich fand ziemlich sofort wieder eine Anstellung, bei der ich es sensationellerweise, auch aufgrund der „Glättung“ meines Lebenslaufs , 1 Jahr und vier Monate lang aushielt. Die Umstände in diesem Steuerbüro brachten es mit sich, dass ich von mir aus kündigte, als ich eine andere, wesentlich hochdotiertere Stellung in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft bekam. Bloß hatte ich die Heimtücke meiner „Krankheit“ unterschätzt, die dann ausgerechnet wieder zuschlug, als es einmal gut laufen sollte. Vermutlich waren es die monatelang ertragenen Missstände im Berufsleben, das fehlende diesbezügliche Einfühlungsvermögen von meinem damaligen Lebensabschnittsgefährten, die dafür sorgten, dass meine Psyche wieder einmal zu einem Selbstheilungsmechanismus griff und erneut eine Psychose ausbrechen ließ, in der ich mich uneingeschränkt wieder einmal mehr als der „Weltenretter“ fühlte, hochintelligent, jegliche Zusammenhänge begreifend, ausgestattet mit allen Fähigkeiten, die es nur irgendwie in einem menschlichen Lebewesen vereint geben kann.

Die manischen Phasen sind zu Beginn stets das absolute Glück. Bislang habe ich mich in meinem Leben niemals glücklicher gefühlt. Es ist die Ahnung von Vollkommenheit, von göttlicher Erleuchtung (auch als Atheist), Einssein mit dem Kosmos, von Weltenfrieden.

Muss man allerdings feststellen, dass  das Umfeld die Zeichen einer neuen schönen Welt gänzlich ignoriert, am Alltagstrott festhält und einem sogar die eigene neue Berühmtheit und Wichtigkeit abspricht, was leider auf der Hand liegt, dann wird der Wahnsinn in der Tat verzweifelt wahnsinnig. Dann kommen die albanische Mafia oder die Außerirdischen oder der israelische Geheimdienst mit ins Spiel. Am Ende findet man sich vollgepumpt mit Psychopharmaka in der Klinik wieder und die Probleme fangen erst richtig an. Der Job ist weg, eventuell sind ein paar Freunde weg, nach meiner dritten Episode verabschiedete sich mein langjähriger Lebensgefährte. Tapfer hatte er mit mir die anderen beiden Episoden durchgestanden, nach der folgenden wollte und konnte er nicht mehr.

Anfang 30, arbeitslos und hoch depressiv, der Freundeskreis in Trümmern, Selbstmordgedanken. In diesem Zustand schaffte ich es nur unter Mühen, mir eine eigene Wohnung zu besorgen und umzuziehen, das ständige Horrorszenario im Kopf, ich würde nach dem Umzug einfach auf meiner Matratze liegen bleiben um im Chaos zugrunde zu gehen.

Ob im Endeffekt die Antidepressiva Wirkung zeigten oder ob nach 3 schrecklichen Monaten der depressive Zustand alleine aufhörte, vermag niemand zu beurteilen. Fest steht, ich war trotz veränderter Lebenssituation, dass ich jetzt alleine lebte, immer noch nicht schlauer geworden, was meine Rekonvaleszenz betraf. Bewarb mich alsgleich brav wieder um eine Stelle, die auch nicht lange auf sich warten ließ. Diesen Arbeitsplatz hielt ich nur 2 Wochen. Längst schon hatte mein monatelang untertourig gefahrenes Hirn sich eigenmächtig wieder in die größten „Höhen“ geschwungen. Diesmal war ich schwanger mit dem weiblichen Heiland. Nur durfte das niemand wissen. Wie auch immer, bereits 8 Monate nach meinem letzten Psychiatrieaufenthalt war ich schon wieder eingefahren. 12 schreckliche Wochen lang auf der geschlossenen Station. Und diesmal wollte ich am Schluss noch nicht einmal mehr raus. Was erwartete mich denn draußen in der bösen Welt? Eine winzige Ein-Zimmer-Wohnung, ein weiterer Neuanfang, und jünger war ich auch nicht geworden.

Ich erinnerte mich mit einem Mal, dass bei der Notaufnahme meiner 3. Einweisung der diensthabende Arzt meiner Begleitung mitteilte, er wüsste Adressen von geeigneten Therapeuten. Im depressiven Zustand hatte ich mich schon einmal zu einem Psychotherapeuten geschleppt, nur um mich ausfragen lassen zu müssen, was ich denn eigentlich von ihm wolle. Jetzt wollte ich es einmal mit einer Frau probieren. Denn die Kraft, alleine in irgendeiner Form weiter zu machen, war nicht vorhanden, obwohl der sozialpsychiatrische Dienst, von dessen Existenz ich erst von einer Mitpatientin während meines 4. Aufenthaltes hörte, mich als „zu fit genug“ auch wieder von dannen ziehen ließ. Immerhin gab man mir dort die Termine für die Psychose-Seminare, den Trialog, indem Betroffene, Angehörige und Profis gleichberechtigt Erfahrungen austauschen können, mit.

So ausgestattet startete mein bislang letzter Versuch erneut ein zufriedenes, selbstbestimmtes Leben führen zu können. Ich fand eine wunderbare Therapeutin. Durch die Seminare lernte ich wundervolle Menschen kennen, die heute teilweise zu meinen besten Freunden zählen. Es tat so unbeschreiblich gut, zu hören, dass es viele von uns gibt. Dass nicht immer zwangsläufig die Erwerbsunfähigkeit am Ende stehen muss. Dass es Menschen gibt, die, obwohl einst als unheilbar diagnostiziert, teilweise sogar inzwischen gänzlich ohne Medikation zurecht kommen. Ich wurde Mitglied im Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen und habe sehr viel Freude an den Jahrestagungen. Für mich selbst habe ich begonnen, mich mit den Inhalten der Psychose auseinander zu setzen. Für die Bewältigung des Alltags und den Wiedereinstieg ins Berufsleben brauchte ich meine kluge Therapeutin. Denn da ich mir in keiner Form mehr etwas zutraute, war es mit Bewerbungen schreiben alleine nicht getan. Ich benötigte diesmal einige Monate und zahlreiche Gespräche.

Am Ende war es auch ein glücklicher Zufall, der mich über eine Zeitarbeitsfirma meinen jetzigen Job finden ließ. Ein halbes Jahr lang arbeitete ich in der 3-Tage-Woche, seit einem Jahr sind es vier. Meine Arbeitstelle macht mir sehr viel Spaß. Keine Überforderung und trotzdem nicht langweilig. Ein angenehmes Klima. Von meiner Vergangenheit weiß dort natürlich niemand etwas. Dafür habe ich meine lieben Freunde. Viele alte Freunde haben letzten Endes doch den Kontakt gehalten, viele neue, darunter etliche Psychiatrieerfahrene, sind dazugestoßen. Insgesamt ein verständnisvolles Umfeld, das meine psychischen Eskapaden akzeptiert hat. Ich brauche sie schon längst nicht mehr verstecken und unterdrücken. Jetzt muss ich nur noch zusehen, dass ich ein “geordnetes“ Leben auch längerfristig ertrage. Bin ich zum einen erst einmal befreit von dem elterlichen Druck Karriere in Form der Erlangung eines Doktorgrades oder zumindest der unausweichlichen Steuerberaterprüfung zu machen, so lässt sich der Alltag nach den bunten Farben der Psychose in seiner „erdrückenden Normalität“ manchmal schwer ertragen.

Aber war ich vor meiner Erkrankung wirklich zufrieden? Eher nicht. Das BWL-Studium ließ mich immer oberflächlicher werden. Die Aussicht mit einer 70-Stunden-Woche einmal einen Haufen Geld zu verdienen, lockte mich nicht.  Mit dem vollzogenen Ausbruch in den Wahnsinn habe ich eine Legitimation gefunden, mir mein Geld auf einer Ebene zu verdienen, für die eine einfache kaufmännische Ausbildung genügt hätte. Als Teilzeitkraft  kann ich mir zudem die Freiheiten nehmen, die ich für meine zahlreichen Freizeitgestaltungen brauche.

 

Allerdings sind wahrscheinlich gerade diese vielen Freizeitaktivitäten und eine stete Unruhe, einhergehend mit einem erhöhten Alkoholkonsum sowie einem permanenten Schlafdefizit nicht ganz unschuldig daran, dass mein Arzt aus der Psychiatrischen Ambulanz mich nach einem Routinetermin letzte Woche nicht mehr nach Hause gehen ließ. Nach einem ganz „normalem“ Arbeitstag landete ich unvermittelt auf der geschlossenen Station für Akutpsychiatrie und Suchtbehandlung.

Versteckt lauert sie noch irgendwo im Hinterhalt, die Psychose.

Ist das tragisch?

Eher nicht. „Ich gönne mir den Wahnsinn, ich hab ihn mir verdient....“, so beginnt ein Lieblingsgedicht, das ich einst im manischen Zustand in einem Gedichtband fand.

Jetzt, wo ich zudem die Institution Psychiatrie zum ersten Mal als helfend empfunden habe, weil man keine Veranlassung sah, mich Zwangs zu behandeln, eröffnet sich mir ein weiteres „Halteseil“, in der Form, dass ein präventiver Klinikaufenthalt von einigen wenigen Tagen Schlimmeres verhindern kann. Damit meine ich vor allen Dingen den Verlust des Arbeitsplatzes sowie die der Manie folgenden depressiven Phase.

Auch wenn ich immer noch nicht so genau verstanden habe, warum mein Hirn nach Krisensituationen mit dem Wahnsinn reagiert, möchte ich meine psychotischen Erfahrungen nicht missen.

Im Zweifel ging der Welt bislang nur eine mittelmäßige Steuerberaterin verloren.

 


 

2017: Beitrag zum Glückwunschheft von Dorothea Buck

   

Psychose als Selbstfindung

 

 

Dorothea wird 100 und hat uns vorgelebt, wie man Psychosen begegnen kann.

 

In ihrem Fall gänzlich ohne Medikation. In meinem, erkrankt 1996, nicht wegzudenken.

 

Hochpsychotisch, voller sprühender Ideen, extrem manisch überzeugt, ich sei der Weltenretter, der Erlöser, muss nur noch den Kampf gegen den Anführer der finsteren Mächte gewinnen, damit die Weltrevolution endlich alles Eitle, Korrupte, Machtbesessene, den Planeten Zerstörerische, Ausbeuterische – hinwegfegt!

 

Den Beginn der Weltrevolution mag ich noch ersehnt und gespürt haben; alles weitere verschwimmt in einem lethargischen, passivem Grau – Haloperidol & Co. In der Klinik verabreicht. Gefühlsmäßig leer, ausgelöscht; die Nebenwirkungen lassen einen beinahe zum Zombie werden. Gut ist nur, dass der aufgewühlte Kopf anfängt, Ruhe zu empfinden, verantwortungslos zu werden. Aber nach der empfundenen Leere werde ich aus der Klinik entlassen und soll mich wieder einfinden in die Gesellschaft, gegen die ich im Wahn doch mehr als Vorbehalte empfunden habe. Das Gehirn ist überfordert und klinkt sich aus: Depression! Ein weiterer behandlungsbedürftiger Zustand; nach den bunten Farben der Manie noch viel schwerer zu ertragen. Suizidgedanken.

 

Zum Glück nicht vollzogen, denn die katastrophal düstere Zeit, einhergehend mit dem Verlust jeglicher Lebensfreude, jeglichem Empfinden, Sprachverlust, potenzierte Hoffnungslosigkeit und gefühlte Minderwertigkeit….sie geht vorüber. Wie und warum scheint egal, denn das Hirn hat sich längst wieder emporgeschwungen in das trügerische Glück der Manie. Dazwischen gelingt manchmal ein ganz „normales“ Leben, mit einem Beruf, mit einem Partner. Aber es dauert nicht lange und schon ist wieder alles zerstört. Mein Hirn führt ein nicht kontrollierbares Eigenleben. Medikation alleine reicht nicht aus. Im Alltag benötige ich Hilfe, die ich endlich annehme. Ich entdecke Psychotherapie und Selbsthilfe. Und Soziotherapie. Ich lerne. Wir lernen gemeinsam (Psychose Seminare) und ich komme voran. Ich finde ein Ziel: Zufrieden und selbstbestimmt leben! Ich schreibe meine Psychoseinhalte auf. Im Detail finde ich sie nicht so aussagekräftig, denn sie sind jeweils Situations- und Lebensumstände bedingt. Aber sie lehren mich. Denn sie zeigen persönliche Unzulänglichkeiten. Und wie arg sie mich betroffen und gequält haben. Auch wenn sehr schwere Kost: ich muss einsehen, wo ich stehe, was alles bedeutet, wer ich bin. Letztendlich.

 

Es dauert seine Zeit; es dauert Jahre. Aber es hat sich gelohnt! Meinem Hirn reichen wieder die Nachtträume, um sich abzureagieren. Unkontrolliert bricht keine weitere Wahrnehmungswelt mehr in das Bewusstsein.

 

Ich bin dankbar und glücklich. Und möchte meine Erfahrungen nicht missen.

  

Claudia Richter, 49, Heidelberg

 


25. April 2018:

Jubiläen: 35 Jahre Tagesstätte und 30 Jahre Sozialpsychiatrischer Dienst - Diakonie Heidelberg

Grußwort


Aufstehen nach dem Fall - ein Projekt der Uni Mannheim 2020 - anonymisiert aufgeschrieben

 

Zwischen Manie, Wahnvorstellung und Depression

 

Ellen rast über die Autobahn. Die Tachozeiger schnellen nach rechts – mit über 200 km/h ist sie unterwegs. Das Auto gehört nicht ihr, sie hat es sich ungefragt von einem Freund geliehen. Denn Ellen fühlt sich verfolgt. Und meint, sie müsse eine Rallye gewinnen, die Autos hinter sich abhängen. Mit über 100 Stundenkilometer biegt sie in eine Autobahnausfahrt ein.

„Supergefährlich.“, sagt sie im Nachhinein. Die Rallye bildet sie sich nur ein. Ellen leidet an einer schizoaffektiven Störung und befindet sich in einer manischen Phase. Die Krankheit macht ihr das Leben schwer. Nicht nur, weil der ständige Wechsel von manischen und depressiven Phasen an ihren Kräften zehrt. Die Störung entfremdet sie von ihrem sozialen Umfeld, auch beruflich kann sie nicht Fuß fassen. Immer wieder wird ihr der Job gekündigt, die Arbeitssuche wird zunehmend schwieriger.

 

Was es heißt, an einer psychischen Störung zu leiden, merkt die heute 52-Jährige schon früh. Ihr Vater hat Depressionen. Im Gegensatz zu Ellen wird er deshalb aber nie arbeitsunfähig. Sie bleibt nicht lange im Elternhaus. Direkt nach dem Schulabschluss zieht sie nach Stuttgart und studiert BWL.

Das Grundstudium macht ihr noch Spaß, in den späteren Semestern verliert sie zunehmend die

Lust an der Ausbildung. Vor allem ihre Kommilitonen verabscheut sie. „Siebzig Prozent der Kommilitonen empfand ich als Arschlöcher, deren Lebensziel war: ‚viel arbeiten, richtig fett Geld verdienen‘. Ich habe schon eine Phobie entwickelt vor Anzug- und Schlipsträgern.“ Trotzdem beendet sie das Studium. Unbedingt weiterverfolgen wollte sie die Betriebswirtschaft nicht.

 

Im Gegensatz zu ihren Kommilitonen macht sie in den Semesterferien keine Praktika. Sie ist sich nicht einmal sicher, ob sie die Lerninhalte im Berufsalltag anwenden möchte oder kann. „Ich habe nicht gewusst, was ein Beleg ist. Ich konnte kein Fax-Gerät bedienen so. Und nach einem Jahr habe ich dann was gefunden. Und es war ganz klar, dass es dann schiefging. Es ging absolut schief.“

 

Damals ist Ellen 28 Jahre alt und arbeitet im Vertrieb eines Unternehmens. „Und mit diesem Berufseinstieg bin ich auch dann krank geworden.“ Die ersten depressiven Symptome setzen ein. Der Misserfolg im Büro bringt sie völlig aus dem Konzept. Sie fühlt sich minderwertig, hat Angst zu verarmen, verbringt viel Zeit grübelnd im Bett, erscheint immer seltener zur Arbeit. Nach fünf Monaten kündigt der Arbeitgeber.

 

Ihr erster beruflicher Fehlschlag hat wenig Konsequenzen. Relativ schnell findet sie einen neuen Job. Dieses Mal in einer Steuerkanzlei. Die depressive Phase schlägt in eine manische um. Statt sich minderwertig zu fühlen, setzt ein Gefühl der Überlegenheit ein. Ellen hält ihre Kollegen für dumm, glaubt nicht, dass sie ihr das Wasser reichen können. Die ersten psychotischen Gedanken schleichen sich in ihren Alltag. Dann denkt sie, die anderen hätte sich gegen sie verschworen. An jeder Ecke wittert sie böse Mächte, die ihr schaden wollen. „Da bin ich aus der Arbeitsstelle natürlich auch rausgefallen.“ Es wird noch längere Zeit dauern bis Ellen zur Krankheitseinsicht kommt und die Krankheit akzeptieren wird.

 

Immer wieder flüchtet sie sich in Drogen und Alkohol. Ellens damaliger Freund muss sie zusammen mit ihren Eltern von der Polizei abholen. Die hat sie wegen Drogenmissbrauchs festgenommen. Daraufhin wird sie in einer Klinik untersucht. Dort wollen die Ärzte aber keine psychische Störung diagnostizieren. Der Grund: Ellen trinkt viel, konsumiert auch härtere Drogen, vor allem Cannabis.

Die Ärzte meinen, ihre Probleme seien Folgen der Drogen. 

 

Doch als Ellen aufhört zu konsumieren, gehen die Probleme nicht weg. „Ich habe dann halt nicht mehr gekifft, sozusagen, aber ein Jahr später war ich wieder krank, wieder in der Klinik, wieder eine Psychose, wieder den Job verloren.“ Manische und depressive Phasen wechseln sich in dieser Zeit immer häufiger ab. Mal will sie mehrere Wochen kaum das Bett verlassen, erscheint selten zur Arbeit, weint, fühlt sich einsam. Dann folgen wieder Phasen manischer Überheblichkeit. „Man hält sich für oberschlau und entscheidet dann, entweder die anderen sind geistig minderbemittelt oder sie gehören zu den bösen Mächten.“ 

 

Die medikamentöse Therapie hilft ihr wenig. „Die Medikamente waren früher der absolute Horror“, sagt sie. „Man konnte sich noch nicht mal mehr die Zähne putzen, hat Bewegungsunruhe gehabt, ist so gelaufen wie ein Roboter. Oder Schluckkrampf. Manche haben Augenkrämpfe gehabt. Also das waren die ganzen Nebenwirkungen.“

 

Immer wieder wechselt sie ihren Job in dieser Zeit. In Bewerbungsgesprächen muss sie inzwischen lügen, genauso in ihrem Lebenslauf. Die ständigen Kündigungen machen sich nicht gut in der JobBiographie. Den wahren Grund, ihre psychische Störung, will sie aus ihrem Berufsleben raushalten. „Ich plädiere nach wie vor, wirklich nichts zu sagen. Die Krankheit hat am Arbeitsplatz nichts verloren.“ Die Zeit, in der sie es in einem Job aushält, wird immer kürzer. Häufig verliert sie die Stelle schon in der Probezeit. „Aber eigentlich habe ich mir nach vier Jahren und fünf Psychosen dann überlegt, so kann es eben nicht weitergehen. Ich kann mir nicht immer einen Job suchen, bin dann da vielleicht ein Vierteljahr drin, werde wieder krank, fliege wieder raus.“

 

Was ihr hilft, ist ein Psychose-Seminar, die Teilnahme an einem Trialog. Betroffene, Angehörige und Profis tauschen sich aus, eine Art Selbsthilfegruppe, geben sich Ratschläge, helfen einander. „Und da habe ich dann quasi so gelernt von Gleichgesinnten, die mitarbeiten im PsychoseSeminar. Und nur deswegen ist es gegangen, nur deswegen.“ Außerdem helfen ihr in dieser Zeit ihre Freunde. „Also ich denke, wichtig, ganz wichtig waren meine damaligen gesunden Freundinnen, muss ich jetzt mal sagen. Die waren alle alleinerziehend zum Beispiel. Die mussten auch kämpfen. Und wenn man dann so was sieht oder sich mit denen trifft, dann wurde ich quasi mitgezogen.“

 

Kurz danach beginnt Ellen einen Job in einer Lebensmittelfirma. Ihren Lebenslauf bekommt der damalige Chef nicht zu sehen. „Der hätte mich ja sonst nie genommen. Die hatten da absolut eine Notsituation, die brauchten jemand in dem Bereich.“ Der Job glättet ihr Leben. Sie heiratet, mit den Kolleginnen und Kollegen versteht sie sich gut. Acht Jahre bleibt sie in diesem Job. Bis ihr Mann einen schweren Unfall erleidet. Er ist auf Hilfe angewiesen, Ellen pflegt ihn. Nebenbei noch zu arbeiten, ist schwierig aber Ellen gibt nicht auf und ihr gelingt es alles unter einen Hut zu bekommen. Nach elf Jahren stirb Ellens Mann und hinterlässt eine große Lücke.

 

Inzwischen hat Ellen wieder eine Stelle gefunden und fühlt sich wohl. Die Arbeit hilft, den Tag zu strukturieren. Außerdem macht sie viel Sport, vor allem Rudern macht ihr Spaß. Es hilft ihr, sich zu verausgaben. Häufig geht sie in die Stadt und genehmigt sich auch Alkohol, allerdings nicht mehr in dem Maß, wie sie das früher gemacht hätte.

 

Die manischen und depressiven Phasen werden wohl nie völlig verschwinden. Aber Ellen hat es geschafft, sie in den Griff zu bekommen. Was sie gelernt hat: „Nicht aufzugeben. Es ist behandelbar. Nebenwirkungen von Medikamenten nicht akzeptieren. So lange suchen, bis was passt und keine Nebenwirkungen mehr da sind. Auf jeden Fall irgendeine Psychotherapie machen oder Soziotherapie. Da gibt es ja inzwischen viel.“