Mut-Tour 2016 Etappe 6 Berlin – Kiel vom 10.08. bis 20.08.2016

Gespannt auf meine Mitstreiter*innen traf ich am Vorabend unseres Etappenstarts beim Treffpunkt in Berlin-Mitte, Sportverein ABC Zentrum Berlin, ein. Es fanden sich: Erich, 65, aus Hamburg, Richard, 37, aus Köln, Christine, 55, aus Dülmen, Laura, 27, aus Hamburg. Mit Sebastian, dem Initiator und Projektleiter der Mut-Tour, hatte ich ja bereits 2015 die Etappe 4 der Mini-Mut-Tour bewältigen können und ihn und das 1. Team der diesjährigen Etappe am 04.06.2016 beim Bundesstart in Heidelberg gebührend verabschiedet. Ohne meine positive Erfahrung mit der Mini-Mut-Tour hätte ich mich niemals getraut nun also für ganze 11 Fahrttage dieses Unterfangen anzugehen.

Ein letztes 0,33l Bier aus dem Kühlschrank des Vereins gönnte ich mir am Abend beim gemeinsamen Essen mit vegetarischem Grillgut. Vorher kurzer Gepäckcheck von Sebastian um Überflüssiges in die „Schick-Kiste“ (zum Zielort) zu verfrachten, bevor es ans Probefahren mit den Tandems ging. Ein kurzer Versuch als Pilotin nebst Blick auf die Schaltung genügten mir, um zu entscheiden, dass ich für die kommenden Tage zur Sicherheit meiner Mitfahrer doch wirklich besser nur als Co-Pilotin fungieren sollte. 

Die Teams wurden festgelegt; um 07.00 Uhr (Mittwoch, 10.08.2016) wurde geweckt, gepackt, verstaut, versucht zu packen und zu verstauen, bis alles seinen richtigen vorgesehenen praktikablen Platz hatte; Frühstück mit Müsli und mehrerlei geschnittenem Obst (dieser Gewohnheit widerstand ich erfolgreich bis zum allerletzten Tag) und los ging`s: durchs Brandenburger Tor, verschlungene Wege Richtung Spandau, wo das 1. Presseinterview auf uns wartete.

Unseren 1. Übernachtungsplatz nach 53,27 km  fanden wir in der Nähe von Hennigsdorf, idyllisch, am Briesesee,  in unmittelbarer Nachbarschaft eine Reha-Sucht-Klinik. Entgegen anfänglichem Misstrauen konnten wir dort aber sehr wohl unsere ganzen Wasservorräte auffüllen. Leider verhielten sich die nächtlichen Temperaturen ganz entgegengesetzt der anzunehmenden Voraussetzung, wir seien im Hochsommer unterwegs: es wurde schlichtweg arschkalt. Was ein Glück für die kommenden Tage, dass aus dem gemeinsamen Gepäck noch Innenschlafsäcke zu vergeben waren.

Unsere weitere Tour (Donnerstag, 11.08.) führte uns über Oranienburg, mit einem nächsten Pressegespräch, nach Zehdenick. Nach satten 64,69 km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit (AVS) von 15,8 (am Vortag waren es lediglich 13,2) langten wir im Zustand der herannahenden Dämmerung nebst drohender Wolkenfront in dem Stadtteil Burgwall an; zwei Jugendliche zwecks Wissen über möglichen Übernachtungsplatz ausfragend. Nein, so die Auskunft der zugehörigen Erzieherin, bei Ihnen können wir nicht logieren, aber der Pfarrer im 6 km entfernten Zehdenick-Zentrum könne bestimmt weiterhelfen. Den konnten wir nicht ausfindig machen, lediglich den Ort rund um seine Kirche begutachten, fragend, was nun am besten zu tun sei, als urplötzlich ein PKW hinter uns zum Stehen kam. Besagte Erzieherin war uns mit einer Jugendlichen doch tatsächlich hinterher gefahren, um mitzuteilen, wir könnten doch gerne bei Ihnen unterkommen (Sojus-Burgwall von PROWO e.V). Selbstredend leisteten wir diesem Angebot Folge und rasten gerne die Kilometer wieder zurück, denn die Aussicht auf trockene Übernachtung nebst Duschmöglichkeit erschien jedem jetzt schon wie ein Himmelreich. Und wir fanden sogar eine Küche vor, selbstredend mussten unsere Einkäufe ja entsprechend verarbeitet werden. Unsere Gastgeber bereiteten uns vor der Behausung eine ganze Tischreihe vor.

Durch das Zurückfahren hatten wir Kilometer verloren; die galt es nun (Freitag, 12.08.) aufzuholen. Sehr schade, denn wir kamen an der Gedenkstätte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück vorbei; gönnten uns zwar dort einen kurzen Aufenthalt, der aber für das Gesamtanwesen nebst seiner kaum fassbaren Ausdrucksstärke null ausreichte. Wir mussten unbedingt weiter nach Fürstenberg für ein eigenes Foto für die Presse und mussten weiter zusehen, dass wir noch die insgesamt knapp 75,65 km nach Neustrelitz packten, da am Samstag, 13.08., eine Mitfahraktion rund um den Tollensesee von Neubrandenburg geplant war. Der Aufenthalt in Fürstenberg, im Außenbereich eines gemütlichen Cafés, geriet unverhofft wegweisend für meine künftige Pressearbeit: längst war abgemacht, ich solle mir die Journalisten schnappen und erstinformieren; mit der persönlichen Betroffenheit je nach Bedarf agieren: in Oranienburg hatte ich agiert und naiv dem Journalisten berichtet, Depressionen müssen längst nicht unipolar auftreten, sondern könnten sich in weiteren Diagnosen ausdrücken: genauer: ich erzählte von der Störung „Schizoaffektiv “. Just in eben diesem Café fanden wir eine Besucherin die Tagespresse lesend und sahen: uns!! Und lasen das gesamte Interview: „…Ich bin schizoid-aggressiv“, sagt sie ganz unverblümt…“ – so unfassbar verunstaltet also mein Zitat. Wir meldeten die Nichtigkeit solch einer Diagnose selbstredend der verantwortlichen Pressestelle zurück; erfuhren jedoch, dass es keine Online-Ausgabe von diesem unsäglichen Interview geben solle, indem diese Irrung der Endlichkeit zugängig, also hakten wir das ab. Ich zurückbleibend mit der fragwürdigenden Erkenntnis: wie blöd können Journalisten denn sein! 

Da der Himmel am Westen eher unheilvoll und wir ob der vielen zurückgelegten Kilometer viel zu knapp für ein „Wiesen-Nachtlager-Suchen“ dran waren, sorgten wir telefonisch in Neustrelitz vor und durften die Nacht im komfortablen Borwinheim (Diakonie Stargard) verbringen; unser Schlafsaal gerade mal ein paar Meter entfernt vom Hochaltar (AVS: 15,9). Unter demselben Dach wie ein unbegleiteter minderjähriger Eritreer, der dort echtes Kirchenasyl genoss.

Die Sonne lachte bei der Mitfahraktion rund um den knapp 18 qm See mit 16 Interessenten (14 vom örtlichen ADFC). Die hügelige Strecke einigermaßen gut zu überwinden halfen zwei beherzte Mitfahrer, indem sie unser Frauenbike entweder fahrend per Hand anschoben oder gar bei einer Absteigaktion das ganze Ding allein bewegten. Wir nahmen diese Hilfsdienste super gerne an, weil an diesem Tag das Bike meiner Pilotin und mir zusätzlich die „Zeltwurst“ zu schleppen hatte und es am Vormittag beinahe zu einem Eklat kam. Sebastian war auf einen Fußwanderweg abgebogen; dieser Weg sollte wohl ganz abseits jeglichem Asphalts mal so richtig schön sein, doch unser Frauenteam nebst Last der Wurst, wir kotzten: kein Fahren glückte; die Räder bohrten sich in den Untergrund, alles war scheiße, die Kondition zum Teufel. Angebliche Anmut von Schmetterlingen interessierte uns auch null.

Derart Unzufriedenheit musste natürlich in der Gruppe diskutiert werden. Bei dem alltäglichen „Thing“: ein Reflektor versucht zunächst auf Sachebene zu berichten, was denn alles seit dem letzten Thing am Vortag geschehen war. Im Anschluss findet jeweils die persönliche Befindlichkeitsrunde statt. Emotionale Themen, die so etwas sprengten, wurden danach durchgenommen. In der Theorie gut und wichtig, in der Praxis bewährte sich das alles auch sehr, nur heute nicht: entsprechende Wegstrecke blieb unserer Meinung nach das Allerletzte. Immerhin waren wir am Folgetag die Wurst los; es fuhr sich prima. Das Nachtlager war auch prima gewesen: eine frisch gemähte weite Wiese mit Heuballen an einem versteckten See; vom zuständigen Jäger, der just im Moment der Entscheidung mit einem fetten Auto nebst 4 Scheinwerfern auftauchte, sogar erlaubt. Insgesamt hatten wir an diesem ereignisreichen Samstag 63,96 km zurückgelegt.

Am Sonntag, 14.08., passierten wir die Havelquelle; hatten ein gutes Interview in Waren/Müritz und eine schlappe, jedoch äußerst schöne Wegstrecke durch den Nationalpark von nur ungefähren 36 km, denn in der Streckenplanung wurde ein Fehler entdeckt und uns blieb nichts weiter übrig, als doch tatsächlich uns und die Bikes für den Zielort Güstrow in den Zug zu verfrachten. Dort fanden wir im Gemeindehaus der Katholischen Kirche Maria Himmelfahrt unser Nachtlager. Mit geräumigen warme Duschen, einem sehr aufgeschlossenen Pastor, zu Recht stolz auf sein architektonisch außergewöhnlich gebautes Gotteshaus mit rundem Holzdach und Beichtraum-Anbau. Es war der letzte Abend von Mitfahrer Richard; Ines, 34, aus Bremen, vervollständigte aber wieder unser 6er-Team.

Anstehender Montag, 15.08. wartete mit vielen Terminen: Güstrow-Marktplatz nebst Interview und in der Presse angekündigter „Sprechstunde“; 15 km weiter in Bützow ein weiteres Interview und Austausch mit einer dortigen sehr regen Selbsthilfegruppe. Sowie weiter nach Roststock und 3. Interview mit der „Ostsee-Zeitung“. Insgesamt 52 Tandemkilometer. Übernachtungssuche in Bad Doberan glückte uns im Garten bei der ortsansässigen Pfarrerin (Pfarrhof Rethwisch). Allmählich konnte man ein etwaiges gespaltenes Verhältnis zur christlichen Kirche echt neu überdenken.

Am nächsten Tag, Dienstag, 16.08., erreichten wir endlich, endlich den Ostseestrand (Heiligendamm); zu meinem Bedauern jedoch nur mit kurzer Zeit für private Fotos , denn wir mussten an diesem Abend unbedingt Wismar erreichen. Die anstehenden 65,51 km konnten wir aber ansonsten ganz gespannt angehen, da ausnahmsweise kein Pressetermin ausgemacht war. Im Ostseebad Rerik gönnten wir uns eine längere Kaffeepause mit viel Eis. Eis und Kuchen waren erstaunlicherweise auch für mich ein tägliches Muss geworden; ich konnte es kaum fassen, wie verliebt ich mittlerweile Torten in der Auslage der vielen guten Bäckereien ansah. Was körperliche Bewegung doch so alles mit einem anstellte?

Der Mittwoch, 17.08., versprach etwas anstrengend zu werden. Aktionstag in Wismar und Schwerin mit jeweiligen Mitfahraktionen, frühes Wecken schon um 06.15 Uhr. Immerhin lachte die Sonne; in Wismar ließen alle bunte Luftballons mit Zukunftswünschen steigen; unsere Bikes bekamen sie angebunden und begleitet von 15 Mitfahrern unter Aufsicht des örtlichen ADFC startete unser Konvoi Richtung Schwerin zum Treffpunkt auf halber Strecke und Pause in einem gemütlichen Kaffeegarten, selbstredend mit Kuchenessen. Der Schweriner Aktionstag mit diversen Infoständen fand direkt am See vor dem eindrucksvollen Schloss statt. Den ganzen Tag über hatte es regen Gesprächsaustausch gegeben, so dass wir am Abend doch etwas froh waren, die letzten und damit insgesamt 73 km glücklich zu meistern und die Dorfgemeinschaft Klein Hundorf bei Gadebusch wie geplant zu erreichen. Dort konnte man auf einem Hochplumpsklo durch das Vorhangbesetzte Fenster auf den Vollmond starren. 

Was Glück mit der Planung, denn der Donnerstag, 18.08., begann mit viel Regen. Wir brauchten erst gegen 12.00 Uhr in Richtung Inselstadt Ratzeburg aufbrechen, da klarte es wieder auf. Wir leisteten unsere Interviews und hatten sogar noch Zeit für einen Stopp zum Baden. Nach 46,36 km fanden wir kurz vor Groß Grünau auf einem Rasenparkplatz eines Segelvereins unseren Schlafplatz. Auch der Teamwechsel zweier Bikes mitsamt der Wurst hatte gut funktioniert. Und Tanja Salkowski (Radio Sonnengrau) besuchte uns, mit alkoholfreien, kühlen Hefeweizen im Gepäck.

Nur 6 km hatten wir es am Freitag, 19.08., bis zum langen Aktionstag in Lübeck. Ausreichend Zeit das obligatorische private Foto vorm Holstentor zu schießen, während Sebastian und Ines die Zelte zum Trocknen neben der Domkirche aufstellten. Pünktlich um 14.00 Uhr rollten wir bei strahlender Sonne zum vorgesehenen Platz in die Innenstadt. Es gab Musik, Tanzperformance und neben Radio Sonnengrau noch weitere Infostände. Natürlich wieder Presseinterviews und –fotos. Um 16.30 Uhr unter Begleitung vom ADFC die  Mitfahraktion. Als die 14 Radfahrer sich nach 35 km verabschiedeten konnten wir endlich Tempo fahren, was angesichts der herannahenden Dämmerung und Nachtlagersuche auch nötig wurde. Mit einer öffentlichen Badestelle nahmen wir vorlieb; die Essenszubereitung bereits im Dunklen. Letzte Nacht Outdoor.

 

Noch einmal fette 76 km am letzten Tourtag, Samstag, 20.08.. Durch Bad Segeberg, Plön. Durch Wald und über Hügel. 2 letzte Presseinterviews. Und noch einmal richtig Tempo: mit knapp 49 km/h ging`s gen Ende vor Zielort Kiel einen Berg runter: ein Glück für mich, dass ich das in diesem Moment nicht wusste. Wir hatten es geschafft: 700 km durch vier Bundesländer, wunderschöne Landschaften, viel Presse, hatten uns zusammenraufen müssen, früh aufstehen, diszipliniert packen, Schmerzen vom Sattel ignoriert, kein Alkohol, vegetarisch gekocht und gegessen. Alle zusammen gingen wir Pizza essen, es regnete und  konnte uns egal sein. Tolle, intensive, ereignisreiche, lange Tage lagen hinter uns! Vor mir noch 12 Stunden Busfahrt, aber auch mit unbändiger Freude auf meine sehnlich vermisste Kaffeepadmaschine, die mir morgens in Nullkommanix das tagwichtige Koffein-Gebräu zubereitet.....